Interview mit Buchbindermeister Frank Siegle

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Einige meiner Leser, die mir schon eine ganze Weile folgen, wissen bereits, dass ich mich seit vielen Jahren für das Buchbinden interessiere. Da kam mir vor einigen Wochen spontan die Idee eine kleine Interview-Reihe über dieses Handwerk ins Leben zu rufen. Ich finde es interessant was die vielen Buchbinder und Buchbinderinnen aus ganz Deutschland, über ihren Beruf zu berichten haben und ich hoffe, dass ich mit meinen Interviews einen kleinen interessanten Einblick in ein jahrhundertealtes Handwerk geben kann.

1. Warum sind Sie Buchbinder geworden?
Ich habe bzw. hatte 2 Onkel in der Verwandtschaft. Einen selbständigen Buchbinder und einen Schreiner. Beide haben mir eine Lehrstelle angeboten. Ich habe mich für den Buchbinder entschieden.

2. Seit wann gibt es Ihre Werkstatt und worauf sind Sie besonders Stolz?
Unsere Werkstatt gibt es seit 1887. Ich bin jetzt Inhaber in der 5. Generation. Ich bin stolz, dass sich mein ältester Sohn entschieden hat ebenfalls Buchbinder zu werden. Aller widrigen Prognosen zum Trotz. Im November diesen Jahres beginnt er mit der Meisterschule.

3. Was ist für Sie das Besondere am Buchbinden?
Die Vielfalt des Berufs. Heute beschränkt sich das Berufsbild rein auf das fertigen von Büchern.  Aber da ist noch so viel mehr. Früher hieß das Berufsbild „Buchbinder und Futteralmacher“ Da stecken auch noch gewerksübergreifende Elemente mit drin. Das fertigen von Taschen aus Leder beispielsweise, das heute in den Bereich der Sattlerei fällt. Auch das fertigen von Hüten wurde zeitweise von Buchbindern gemacht. Das Rahmen von Bildern ist ein weiteres Betätigungsfeld von Buchbindern und nicht zu vergessen die Restaurierung von alten Büchern, die sehr viel Wissen um die Techniken vergangener Jahrhunderte voraussetzt, sowie eine Leidenschaft für Naturwissenschaften, insbesondere Chemie und Biologie.  

4. Inwieweit hat sich dieses Handwerk in den letzten Jahren (positiv oder negativ) verändert?
Bedingt durch die zunehmende Digitalisierung unseres Umfelds schwindet der Bezug zum gebundenen Buch. Zeitschriften von Kanzleien und Büros, werden nur noch wenig gebunden. Hier hat die Digitalisierung, ganze Arbeit geleistet. Andererseits ist es durch die digitalen Medien möglich geworden, dass „Jedermann“, günstig drucken kann. Dadurch kommen mehr Aufträge von privaten Kunden. Lebenserinnerungen, Gedichte, Facharbeiten usw. kann der Kunde heute bequem erstellen und kostengünstig in hoher Qualität drucken lassen. Da bleibt dann auch noch etwas für den Buchbinder hängen.

5. Welche Arbeiten bieten Sie speziell in Ihrer Werkstatt an?
Alle Arbeiten, rund ums Buch, die technisch etwas komplizierter sind und daher für die Industrielle Verarbeitung nur bedingt geeignet sind oder in kleinen Auflagen zu teuer sind. Hierzu gehört auch ein Print-Service, den wir mit einem Partnerbetrieb betreiben. Weiterhin haben wir qualifizierte Restaurierungsarbeiten im Portfolio, ebenso wie außergewöhnliche Möglichkeiten, wie z.B. Laserschneiden oder Steppstichheftungen (auch für sehr dicke Broschüren). In der Branche gelten wir als Problemlöser. Wenn nichts mehr geht, dann geht man zu Mende.

6. Was ist Ihr Lieblings-Arbeitsschritt beim Buchbinden?
Das ist schwer zu sagen. Es gibt viele Dinge die mir an meinem Beruf Freude bereiten. Besonders hervorzuheben ist vielleicht die Arbeit mit Leder, in jeder Form.
Die Restaurierung eines alten Fotoalbums aus dem frühen 20. Jahrhundert. Die alte Rückenhinterklebung wurde abgeweicht und abgekratzt, anschließend der Buchblock neu beleimt und mit Hinterklebematerial stabilisiert.



7. Glauben Sie, dass das Buchbindehandwerk aussterben wird?
Es wird sich einschneidend verändern, aber aussterben, nie. Die Menge an Buchbindern und der Bedarf an ausgebildeten Buchbindern wird schwinden. Der Markt wird sich bereinigen. Die kreativen Werkstätten, die sich von Ihrem „verkrusteten“ Denken lösen und neue (Vertriebs-)Wege suchen, haben durchaus eine Chance.

8. Gab es Aufträge, an denen Sie an Ihre Grenzen gestoßen sind?
Jeder stößt einmal an seine Grenzen. Aber heutzutage ist ein breit gefächertes Netzwerk notwendig, so dass man auch Kollegen oder gewerksfremde Dienstleistungen mit einbezieht.

9. Welche Funde in Bücher (Eselsohren, Klebestreifen usw. …) lassen Ihnen die Haare zu Berge stehen?
Tesafilm auf den Blättern. Und Pattex auf dem Buchrücken.

10. Was war der kurioseste Fund in einem Buch, den Sie gemacht haben?
Ein zerquetschter Bücherskorpion in einer alten Bibel

11. Wie könnte man das Buchbindehandwerk in Zeiten der digitalen Medien für die Jugend attraktiv machen?
Das ist eine gute Frage. Zunächst sollte die Bezahlung im Handwerk, besser werden. Aber dann lässt sich vieles nicht eben mehr verkaufen. Das Problem ist, dass das Buch nur noch von wenigen wirklich wertgeschätzt wird. Bringt man beispielsweise sein Auto in die Werkstatt, nimmt man Stundenlöhne von rund 100.- € und mehr ohne Murren in Kauf. Es ist ja auch das Auto und das braucht man täglich. Wenn aber der Buchbinder 45.- € in der Stunde abrechnet, ist das fast jedem zu teuer, was man teilweise auch zu hören bekommt.

12. Was ist Ihr Tipp für angehende Buchbinder?
Daher kann ich der Jugend nur sagen: Lernt den Beruf nur, wenn ihr die Absicht habt, euch mal selbstständig zu machen. In finanzieller Hinsicht gibt der Beruf, im Handwerk, wenig her. Und von einer Arbeit die nur Spaß macht, kann man nicht vernünftig leben.

An dieser Stelle  vielen herzlichen Dank an Buchbindermeister Frank Siegle, für die Zeit, die Sie sich für meine Fragen genommen haben.


Die Buchbinderei Mende findet ihr auch auf Facebook, Instagram und YouTube.

Die Fotos wurden mir mit freundlicher Genehmigung
der Buchbinderei Mende zur Verfügung gestellt.
Hier eine Nahaufnahme einer Freirückenbroschüre. Das Besondere an dieser Bindung ist, dass das Buch flach und spannungsfrei aufgeschlagen werden kann.

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1 Kommentar(e)

  1. Huhu!

    Eine tolle Idee, ich liebe Einblicke in solche Berufe! :-)

    Wie schön, dass sich die Werkstatt über so viele Generationen halten konnte. Ich hoffe, dass noch viele Generationen folgen werden, es wäre schade, wenn dieser Beruf ausstirbt! Aber ich hoffe auch, dass dem nicht der Fall sein wird.

    Ich muss zugeben, ich musste "Bücherskorpion" erstmal nachschlagen. Man lernt nie aus!

    LG,
    Mikka
    Mikka liest das Leben

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