Freitag, 23. Juni 2017

Fore edge Friday - »The Secret Garden« von Frances H. Burnett



Im heutigen Fore edge Friday-Beitrag geht es nicht um marmorierte, vergoldete oder mit Farbe verzierte Buchschnitte, sondern viel mehr um eine andere Art der Buchschnittverzierung, der du vielleicht hie und da auch schon begegnet bist: dem sogenannten Büttenrand oder wie es im Englischen heißt deckled edge.

Bis vor ein paar Jahren habe ich diese Art des Buchschnittes noch gar nicht gekannt. Diese Ausgabe von The Secret Garden, habe ich vor besagten Jahren einmal gewonnen und als ich das Päckchen öffnete und den Buchschnitt sah, dachte ich erst, dass die Buchbinderei vergessen hatte, den Buchblock auch an der Seite zu beschneiden. Nach einigen Klicks im Internet fand ich dann heraus, dass dies alles seine Absichten hatte und dieser unbehandelte Seitenschnitt Teil der Verzierung ist.


Als die Papierherstellung begann, bestand Papier im größten Teil aus Baumwoll- oder Leinenfetzen, die im sogenannten Holländer zu einem Brei - der sogenannten Pulpe - zerkleinert wurden. Dazu kamen noch Stoffe wie Kreide und einige andere geheime Zutaten, die die Papierhersteller nicht verrieten. Nachdem die Pulpe in einem großen Becken gefüllt wurde, welches nun zu 99 Prozent aus Wasser und einem Prozent aus Pulpe bestand, wurden die zerkleinerten Fasern mit einem Schöpfrahmen geschöpft. Hierbei legen sich die winzigen Fasern in alle Richtungen - daher gibt es bei Büttenpapier keine Laufrichtung, wie es aber leider beim heutigen industriellen Papier der Fall ist. Beim Papierschöpfen legen sich die Fasern am Rahmen ab und wenn der obere Teil des Schöpfrahmens entfernt wird, reißt er einen kleinen Teil des Randes ab, woraus der berühmte, zackige und fasrige Rand an allen vier Seiten des Papieres entsteht. Sind diese Papierbögen getrocknet, wurden diese an die Druckereien geliefert und dort bedruckt und später beim Buchbinder gebunden. Bis zum 19. Jahrhundert war dieser Büttenrand unverzichtbar, denn das Beschneiden mit einem Beschneidehobel war mühselig und anstrengend und wurde nur dann verwendet, wenn der Kunde eine besondere Schnittverzierung wünschte. Ansonsten wurden die unbeschnittenen Bücher gebunden, und im Buchhandel verkauft. 
Heute übernehmen Maschinen die Arbeit
und fräsen einen falschen
Büttenrand in
den Buchschnitt.
Funfact: Habt ihr gewusst, dass es Buchhandlungen gab, die ihre eigenen Buchbindereien hatten? Somit konnten Kunden - als damals der Verlag noch nicht für die Gestaltung der Bücher verantwortlich war, selber entscheiden, wie sie ihre Romane oder Fachlektüre gebunden haben wollten. Ob einfach in Leinen, oder extravagant in Marmorpapier oder Leder. 
Je nachdem, ob der Kunde einen glatten oder unbeschnitten Buchschnitt haben möchte, wurde dem Wunsch des Kunden in der Buchhandels-Buchbinderei nachgegangen. Sollte der Kunde aus Kostengründen einen unbeschnitten Buchschnitt sich gewünscht haben, musste dieser, die gefalzten Papierbögen, welche nicht beschnitten wurden, mit einem Messer selber auftrennen, um das Buch zu lesen. Hierdurch entsteht ein ähnlicher, aber minimaler ausgefranster, rauer Buchschnitt. 

Erst als die Industrialisierung begann und die Verlage die Kontrolle über die Buchgestaltung in die Hand genommen haben, wurden alle Bücher drei oder vierkant beschnitten - letzteres ist bis heute noch der Fall und betrifft so gut wie jedes Taschenbuch und Hardcover. Denn diese sind heutzutage aus Kostengründen Klebegebunden, besser gesagt Stoßverleimt. Das heißt, dass nur die äußere Kante des Buchrückens verleimt wird. Eine Fächerklebebindung wäre etwas haltbarer, da hier der Leim minimal in den Buchblock eindringen kann und so jede Seite an der nächsten klebt. Das sorgt für bessere Stabilität. Aber diesen zwei Bindungen ziehe ich die Fadenheftung jederzeit vor.
Langsam erfährt der Büttenrand an seinen Büchern eine kleine Wiederbelebung. Vereinzelt greifen einige Verlage wie in diesem Beispiel hier Penguin auf den Büttenrand zurück und machen sie dadurch zu einem ansehnlichen, wenn auch etwas unhandliches Gestaltungsmerkmal bei einigen ihrer Bücher. Heute übernehmen Maschinen den Prozess des Büttenrandes und fräsen sozusagen dieses Merkmal in den Buchschnitt.


Kommentare:

  1. Huhu!

    Ein sehr interessanter Beitrag! Ein bisschen davon habe ich vor 20 Jahren schon im Fach "Herstellung" in der Buchhändlerschule gelernt, aber dein Beitrag war eine schöne Auffrischung. :-)

    Ich mag diese Art des Buchschnitts sehr gerne, wenn es zur restlichen Aufmachung des Buches passt.

    Ich habe deinen Beitrag HIER für meine Kreuzfahrt durchs Meer der Buchblogs verlinkt!

    LG,
    Mikka

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  2. Hallo Mikka,

    vielen lieben Dank fürs Verlinken. Ich mag diese Art des Buchschnittes auch sehr gerne. Es lässt dem Buch ein Stück seiner Ursprünglichkeit, wie ich finde.

    Ich habe mal gehört, das damals der Schutzumschlag des Buches dem Buchhändler gehört hatte und dieser nicht Bestandteil des zu verkaufenden Buches war. Stimmt das so? Und weißt du warum das so war?

    Lieben Gruß,
    Nico :)

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    1. Huhu Nico,

      oh, das habe ich noch nie gehört! Ich könnte mir höchstens vorstellen, dass der Buchhändler die Schutzumschläge wiederverwenden wollte, um nicht für jedes Exemplar einen eigenen herstellen zu müssen?

      LG,
      Mikka

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    2. Hm, das könnte auch sein. Ich weiß auch gar nicht mehr, von welcher Buchhändlerin ich das gehört habe. Da muss ich nochmal in meiner Buchhandlung des Vertrauens nachfragen. :)

      Lieben Gruß,
      Nico

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